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Zwischen Bauch und Kopf – Brot & Rosen im Fernsehen?!

Brot & Rosen im Fernsehen: Sonntag, 2. 8. um 17:30 - 18 Uhr im Ersten / ARD ("Mein Haus ist Dein Haus - Leben mit 'illegalen' Flüchtlingen")

von Birke Kleinwächter und Dietrich Gerstner / Juni 2009

Im März rief Hauke Wendler bei uns an mit der Idee, für die ARD einen 30-minütigen Dokumentar-Film über Brot & Rosen zu drehen. Diese Anfrage löste unterschiedliche Reaktionen unter uns aus.

Birke: Gerade habe ich mit einem Freund gesprochen, und er hat mich gefragt, ob so ein Film nicht ganz schön gefährlich sei für unser Haus. Er hat meine Zweifel genährt, ob wir unsere MitbewohnerInnen mit in ein Boot nehmen, in das sie nicht hineinwollen. Was denkst Du?

Dietrich: In der Vergangenheit hatten wir solche Filmanfragen eben aus diesen Gründen immer wieder abgelehnt - wir wollten unsere MitbewohnerInnen nicht gefährden, den Schutzraum nicht "verbrennen".

Andererseits ist es uns ja wichtig, uns politisch für die Rechte der unsichtbar gemachten Menschen einzusetzen. Wir wollen unsere guten Erfahrungen des Zusammenlebens teilen, weil wir sie für gesellschaftlich hilfreich halten. Dafür brauchen wir natürlich auch unsere MitbewohnerInnen, die sich mit solch einem Film sichtbar machen.

Birke: Ich gebe Dir Recht. Aber jetzt im Vollzug kommen mir die Zweifel. Ich erlebe Mahlzeiten, an denen unsere MitbewohnerInnen nicht teilnehmen, weil sie nicht gefilmt werden wollen. Lassen Sie sich vom Kamerateam verdrängen?

Es ist, als ob mit der Kamera die Außenwelt eindringt in unseren "Schutzraum". Ängste werden wieder wach, das reflexartige Sich-nicht-zeigen funktioniert wieder. In unseren MitbewohnerInnen erwachen Gefühle der Verunsicherung, die eigentlich im Alltag innerhalb unserer vier Wände bedeutungslos geworden sind. Ich werde mir zurzeit auch bewusst, wie viel Vertrauen unsere Gäste uns entgegenbringen. Dieses Vertrauen will ich auf keinen Fall zerstört sehen.

Dietrich: So ein Film ist eine Ausnahmesituation. Darum sollten wir auch respektieren, wenn jemand aus dem Haus im Film nicht auftauchen will. Wir dürfen jedoch auf alle Fälle versuchen, unsere MitbewohnerInnen zu ermutigen und von der Sache zu überzeugen. Denn solch ein Film lebt von Geschichten. Mir wäre es wichtig, dass unsere MitbewohnerInnen verstehen, welche Chancen in solch einem Film stecken, dass sie damit Öffentlichkeitsarbeit nicht so sehr für uns, sondern mindestens genauso für ihre eigenen Rechte machen. Unser Anliegen mit Brot & Rosen und irgendwie auch mit dem Film ist es doch, die Menschen hinter den Zahlen und Begriffen sichtbar zu machen.

Birke: Ich habe ja lang und breit mit André besprochen, wie seine eventuelle Mitwirkung am Film aussehen könnte. Ich glaube, ihm ist auch bewusst, dass sein Mitwirken einem Aspekt ein Gesicht geben würde, der unser Haus prägt: das Miteinanderleben. Er sagt, er hat kein Problem, über diese Themen zu reden. Aber, so fragte er mich, wird es nicht zwangsläufig Fragen nach seiner Geschichte geben? Wie kann man über ihn berichten, ohne danach zu fragen? Warum er in Deutschland ist, will doch jeder wissen.

Warum klafft es so auseinander zwischen unserer und Haukes Einschätzung bezüglich des Nutzens, dieses Thema öffentlich zu machen und mit Gesichtern zu versehen, und der unserer MitbewohnerInnen?

Dietrich: Für unsere MitbewohnerInnen stehen in der Regel andere Fragen im Vordergrund als für uns: Was wäre, wenn ein Behördenmitarbeiter diesen Film sieht - wie wird er mich dann behandeln? Was wäre, wenn ich in mein Heimatland, in das Land meiner Verfolger zurück muss - hat dort jemand diesen Film gesehen? Falls ja, welche Probleme könnte das für mich mit sich bringen? Und sicherlich tragen manche MitbewohnerInnen auch eher irrationale Ängste in sich, die mit Traumatisierungen und schweren Erfahrungen zuvor zusammenhängen. Wichtig ist wohl, dass wir selbst klar haben, warum wir solch ein Filmprojekt für sinnvoll halten.

Birke: Ganz offensichtlich geht es bei dem Film auch um eine Entscheidung zwischen Kopf und Bauch. Entspannt wie unsere Lebenssituation ist, können wir mit der Ratio rangehen. Aber bei den Flüchtlingen entscheidet ganz klar das Gefühl. Ich bin mir sicher, einige von ihnen würden wahnsinnig gerne mal einem großen Publikum sagen, was sie schon immer mal zu der ganzen Scheiße hier im Lande sagen wollten. Aber dann kommt die "Riesenschere", und die stelle ich mir sehr Furcht einflößend vor. Lass die Ängste irrational sein, aber dahinter stecken ja faktische Erfahrungen.

Aber ich reite auf den Gefühlen noch aus einem weiteren Grund herum: Auch auf unserer Seite geht es nicht nur rational zu. Wir wollen den Film nicht nur des Inhaltes wegen, sondern auch emotional. Wir wissen, wenn man Brot & Rosen im Fernsehen sieht, steigert das eher die Anerkennung. Wir erleben auch, dass es Spaß macht, sich den Fragen zu stellen. Es ist reizvoll, anhand der durch Hauke ins Spiel kommenden Themen das eigene Wirken hier zu reflektieren. Es ist definitiv ein Geschenk, diese Möglichkeit hier erhalten zu haben. Deswegen will auch ich den Film. Aber es bekümmert mich, wenn wir dadurch jemanden vielleicht in die Enge gedrängt haben.

Dietrich: Klar geht es uns nicht nur um politische Inhalte. Für mich bedeutet die Idee dieses Films, dass damit auch ein Stück weit wahrgenommen und anerkannt wird, was wir hier tun und leben. Und wenn das alles neben der Arbeit und der Unruhe im Haus auch Anregung und Freude bringt, umso besser! Zum Glück gibt es ja ein paar MitbewohnerInnen, die auch mehr die Chance als die Belastung sehen können.

Brot & Rosen im Fernsehen: Sonntag, 2. 8. von 17:30 - 18 Uhr im Ersten / ARD ("Mein Haus ist Dein Haus - Leben mit 'illegalen' Flüchtlingen")

 



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